Von Normwerten und dem Geschäft mit der Angst

Den meisten Menschen ist nicht bekannt, dass medizinische Normwerte von Zeit zu Zeit angepasst werden. Das hat selbstverständlich weniger mit randomisierten Studien zu tun, die dieses „Downsizing“ seriöser Weise untermauern würden, als vielmehr mit guten Geschäften.

Da mit jeder neuen Verschiebung der Norm- und Grenzwerte die Anzahl der Menschen steigt, die offiziell als krank gelten, machen sich mittlerweile auch  immer mehr  Gesundheitswissenschaftler große Sorgen. Sie sind der Meinung, dass durch das scheinbar willkürliche Absenken der Grenzwerte  immer mehr Menschen medizinische Präparate einnehmen, die eigentlich gesund sind und auch ohne Medizin nicht ernsthaft krank geworden  wären. Jedoch würden sie dann womöglich unter Nebenwirkungen von Arzneien leiden, die sie eigentlich nicht bräuchten. 

Dieses stetige Anpassen der Zielwerte nach unten ist besonders „unanständig“ in Bezug auf Cholesterinwerte und beim Blutdruck. Jedoch wurde seitens der zuständigen Gremien auch der Grenzwert für den Nüchtern-Blutzucker zur Diagnose von Diabetes in der Vergangenheit von ursprünglich 144 mg/dl (im Jahr 1980) auf mittlerweile 126 mg/dl herabgesenkt.
Gunter Frank (deutscher Arzt und  Buchautor) spricht sogar von 120 mg/dl als obersten Grenzwert (zum Beispiel in der Schweiz die Norm) und nennt diese Zahlenspielerei zugunsten der Pharmaindustrie den Normwertetrick.

Ganz augenscheinlich gibt es keinerlei seriöse und korrekt durchgeführte Studien, die diese Absenkung der Grenzwerte für die Diagnose einer Diabeteserkrankung medizinisch rechtfertigen würden. Trotzdem wird dieses Faktum nicht hinterfragt, und die somit leitliniengerechten Werte als Basis für die daraufhin ärztlich verordnete – zumeist medikamentöse –  Therapie herangezogen.

Sehen wir uns in der Folge doch mal ein kleines Rechenbeispiel aus dem Jahr 2012 in den USA an, damit wir auch verstehen, warum die Pharmaindustrie so viel Druck dahinter gelegt hat, dass die Grenzwerte für den Blutzucker massiv abgesenkt werden:

Ausgehend von einer auf dem alten Grenzwert basierenden Diabetes-Patientenanzahl von 11,69 Mio., ergibt sich aufgrund des „neuen“ aktuellen Normwertes ein Patientenzuwachs von 1,68 Mio. auf insgesamt 13,37 Mio. zuckerkranke Amerikaner. Das entspricht einer Steigerung von 14%. Diese Rechnung wurde vom amerikanischen Arzt H. Gilbert Welch aufgestellt und beweist auf eindrucksvolle Art und Weise, wie man aus gesunden Menschen in den letzten Jahren Kranke „produziert“ hat und so der Pharmabranche einen gewaltigen Kundenzuwachs beschert hat.

In diesem Zusammenhang seien auch die Gesundheitsaufwendungen in Zusammenhang mit Diabetes in den USA aus dem Jahr 2015 erwähnt. Sie belaufen sich auf 320 Mrd. US$! Wer da wohl einen großen Teil des Kuchens lukriert…               

Jetzt könnte man natürlich nicht ganz zu Unrecht behaupten, dass ein niedrigerer Blutzuckerspiegel immer zum Wohle des Patienten ist, und dieser Aussage kann ich prinzipiell auch viel abgewinnen, wenn nicht…

… die Senkung der Zielwerte eindeutig mit einer Zunahme der Medikamenteneinnahme einhergehen würde. Und das ist ganz bestimmt nicht im Sinne und zum Wohle der betroffenen Menschen. Denn ganz im Gegensatz zu dem, was leider noch immer viele Menschen glauben, sind Medikamente selten gut für unseren Organismus sowie unseren Gesamtgesundheitszustand. Schließlich müssen sie  von der Leber abgebaut werden, die mit der Zeit darunter ganz schön zu leiden hat. Ganz zu schweigen davon, dass Medikamente eine sogenannte Breitenwirkung haben und niemals nur auf eine einzelne Zelle wirken.

Fazit: Man spielt hier mit der Angst der Menschen und geht zu Recht davon aus, dass ein als krank diagnostizierter Diabetiker Typ-2 ohne viel zu hinterfragen, und aus purer Angst vor möglichen Spätkomplikationen, die ihm verschriebenen Medikamente einnehmen wird. Allerdings enthält man den Patienten dabei möglicherweise eine wertvolle Information als Entscheidungsgrundlage: Nämlich, dass der Mehrwert eines durch Medikamenteneinnahme etwas abgesenkten Blutzuckers durch mögliche, Präparat bedingte, Nebenwirkungen mehr als kompensiert wird.
Was so viel heißt wie: Lieber keine Medikamente und einen etwas höheren Blutzucker (der vor einigen Jahren sowieso noch als „normal“ galt), als mögliche Nebenwirkungen durch Medikamente, die mehr schaden als persönlichen Nutzen mit sich bringen.

Denn es ist nun mal ein Faktum, dass nur geringe Abweichungen von der Norm (milde Anomalien)  oftmals zu Überdiagnosen führen. Was eben bedeutet, dass ein etwas höherer Blutzucker heute bedeutend rascher zur einer Diabetes Typ-2 Diagnose führt, als er das bis vor kurzem noch getan hat.

Wer also vor 35 Jahren noch als gesund galt, ist heute krank und wird vom System umgehend therapiert. Wohlgemerkt bei gleichen Blutzuckerwerten und, wie schon erwähnt, offensichtlich ohne seriöse medizinische Forschungsgrundlagen!

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Markus Berndt

Autor, dipl. Personaltrainer & Ernährungscoach, Unternehmensberater für betriebliche Gesundheitsförderung

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