„Zucker ist Futter für Krebszellen.“ Für diesen Satz bekommt man schnell Gegenwind. Fakten Checker erklären dann gerne: „So einfach ist es nicht.“
Natürlich ist es nicht so einfach. Niemand behauptet ernsthaft, dass ein Stück Kuchen Krebs verursacht oder dass ein völliger Zuckerverzicht garantiert vor Krebs schützt. Krebs ist komplex. Genetik, Alter, Umwelt, Entzündungen, Hormone, Immunsystem und Lebensstil greifen ineinander.
Aber „komplex“ bedeutet nicht, dass der Stoffwechsel unwichtig wäre. Ganz im Gegenteil.
Warburg: Krebszellen haben einen besonderen Stoffwechsel
Bereits Otto Warburg beobachtete vor rund 100 Jahren etwas Außergewöhnliches: Viele Krebszellen nehmen große Mengen Glukose auf und wandeln diese verstärkt über die Glykolyse in Laktat um – selbst wenn Sauerstoff vorhanden ist. Heute kennen wir dieses Phänomen als Warburg-Effekt.
Die Forschung spricht von metabolischer Reprogrammierung. Tumorzellen verändern ihren Stoffwechsel, um Energie und vor allem Bausteine für Wachstum und Zellteilung bereitzustellen. Das ist keine Außenseitertheorie, sondern etablierte Tumorbiologie.
Wie relevant dieser Glukosestoffwechsel ist, zeigt ausgerechnet die moderne Diagnostik. Bei der FDG-PET erhält der Patient einen radioaktiv markierten Glukoseverwandten. Viele Tumoren nehmen davon besonders viel auf und werden dadurch sichtbar. Nicht jeder Tumor verhält sich gleich und auch entzündliches Gewebe kann FDG aufnehmen. Trotzdem bleibt das Prinzip bemerkenswert: Den erhöhten Glukosestoffwechsel vieler Tumoren nutzen wir diagnostisch längst. Warum sollten wir ihn dann metabolisch für uninteressant halten?
Zucker ist nur ein Teil der Geschichte
Die Aussage „Zucker ist Futter für Krebszellen“ ist bewusst plakativ. Biologisch ist das Bild wesentlich komplexer. Tumorzellen können neben Glukose beispielsweise Glutamin, Fettsäuren und andere Substrate nutzen. Man kann einen Tumor deshalb nicht einfach „aushungern“, indem man sämtliche Kohlenhydrate weglässt. Selbst ohne Kohlenhydratzufuhr stellt unser Körper über die Glukoneogenese selbst Glukose her.
Mich interessiert deshalb etwas anderes: Welches metabolische Umfeld schaffen wir über Jahrzehnte für unsere Zellen? Denn Zucker ist nicht nur Brennstoff. Er löst hormonelle Reaktionen aus. Und damit kommen wir zu einem Faktor, der für mich in der Prävention viel zu wenig Beachtung findet: Insulin
Insulin reguliert nicht nur unseren Blutzucker. Es ist auch ein anaboles Signal und steht mit Wachstumswegen wie PI3K/AKT/mTOR sowie dem IGF-System in Verbindung. Das bedeutet nicht, dass Insulin Krebs verursacht. Aber chronisch erhöhte Insulinspiegel und Insulinresistenz sind etwas völlig anderes als die normale Insulinreaktion nach einer Mahlzeit.
Und genau deshalb reicht mir ein „schöner“ HbA1c häufig nicht. Ein Mensch kann einen Langzeitzucker von 5,4% haben und trotzdem bereits große Mengen Insulin benötigen, um diesen Wert aufrechtzuerhalten. Auf dem Laborzettel steht „normal“, aber metabolisch läuft die Bauchspeicheldrüse möglicherweise längst auf Hochtouren.
Deshalb interessieren mich Nüchterninsulin, Insulinresistenz, Triglyzeride, Bauchumfang, Fettleber und Muskelmasse mindestens genauso.
Und dann ist da noch Laktat
Auch unser Verständnis von Laktat hat sich grundlegend verändert. Früher galt es vereinfacht als Abfallprodukt. Heute wissen wir, dass Laktat im Tumormikromilieu weit mehr sein kann: Stoffwechselprodukt, Energieträger und Signalmolekül. Es wird unter anderem im Zusammenhang mit Immunregulation, Gefäßneubildung, Invasion und metabolischer Kommunikation untersucht.
Ein Tumor ist eben kein isolierter Zellhaufen. Er schafft sich ein komplexes Mikromilieu aus Tumorzellen, Immunzellen, Blutgefäßen, Bindegewebe, Hormonen und Metaboliten. Und der Stoffwechsel ist ein wesentlicher Bestandteil davon.
Ist Krebs also eine Stoffwechselerkrankung?
Hier wird es wissenschaftlich besonders spannend. Forscher wie Thomas Seyfried gehen über Warburg hinaus und vertreten die Hypothese, dass mitochondriale Funktionsstörungen und ein gestörter Energiestoffwechsel bei der Krebsentstehung möglicherweise eine wesentlich zentralere Rolle spielen, als es das klassische genetische Modell vermuten lässt.
Diese These ist interessant, aber nicht abschließend bewiesen, die metabolische Reprogrammierung von Krebszellen dagegen schon. Vielleicht ist die ganze Diskussion „Gene oder Stoffwechsel?“ ohnehin falsch gestellt.
- Denn Gene beeinflussen Stoffwechsel.
- Stoffwechsel beeinflusst Genexpression.
- Mitochondrien kommunizieren mit dem Zellkern.
- Hormone beeinflussen Wachstumssignale.
- Metaboliten können epigenetische Prozesse beeinflussen.
Biologie ist eben kein „Entweder-oder“ und genau deshalb finde ich ketogene Stoffwechsellagen interessant. Wenn Glukose, Insulin und metabolische Signalwege eine Rolle spielen, liegt eine Frage nahe: Was passiert, wenn wir dieses Umfeld verändern?
Eine stark kohlenhydratreduzierte beziehungsweise ketogene Ernährung senkt typischerweise die Glukose- und Insulinbelastung und erhöht gleichzeitig die Produktion von Ketonkörpern. Und genau deshalb wird dieser Ansatz inzwischen auch wissenschaftlich im Zusammenhang mit Krebs untersucht. Es gibt bereits interessante präklinische Ergebnisse und erste klinische Daten.
Aber auch hier sollten wir sauber bleiben: Eine ketogene Ernährung ist keine bewiesene universelle Krebstherapie. Das bedeutet allerdings nicht, dass die dahinterstehende Forschung bedeutungslos wäre. Ganz im Gegenteil, denn die gezielte Beeinflussung des Tumorstoffwechsels ist heute ein ernstzunehmendes Forschungsgebiet.
Mich persönlich interessiert vor allem, was wir vorher tun können, denn mein Schwerpunkt liegt auf Prävention. Ich möchte nicht erst über Stoffwechsel sprechen, wenn eine Krankheit diagnostiziert wurde. Ich möchte 10, 20 oder 30 Jahre früher anfangen.
- Wie hoch ist mein Nüchterninsulin?
- Wie insulinempfindlich bin ich?
- Habe ich viszerales Bauchfett?
- Wie sieht meine Leber aus?
- Wie viel Muskelmasse habe ich?
- Bewege ich mich ausreichend?
- Esse ich permanent?
- Wie metabolisch flexibel bin ich?
Genau hier besitzen wir Einflussmöglichkeiten und deshalb empfehle ich einen Stoffwechsel-Reset, zum Beispiel für vier bis sechs Wochen:
Zucker raus. Schnell verfügbare Kohlenhydrate stark reduzieren. Ausreichend Eiweiß. Gute Fette. Gemüse und ballaststoffreiche Lebensmittel. Bewegung und Krafttraining. Längere Essenspausen. Guter Schlaf.
Nicht mit dem Versprechen, dadurch Krebs zu verhindern oder gar zu behandeln, sondern mit einem anderen Ziel: metabolische Flexibilität zurückzugewinnen. Unser Körper sollte zwischen Glukose- und Fettstoffwechsel wechseln können. denn viele Menschen leben heute im permanenten Fütterungsmodus.
- Frühstück
- Snack
- Mittagessen
- Kuchen
- Abendessen
- Snack vor dem Fernseher
- Dazu Softdrinks, Fruchtsäfte, Müsliriegel und hochverarbeitete Kohlenhydrate
Unser Stoffwechsel bekommt kaum noch Ruhe. Evolutionär betrachtet ist diese permanente Energieverfügbarkeit ziemlich ungewöhnlich.
Deshalb bleibe ich bei meinem Satz – aber mit Erklärung: Zucker ist Futter für Krebszellen.
Ja, der Satz ist verkürzt. Viele Krebszellen nutzen große Mengen Glukose. Aber nicht ausschließlich. Und Zucker allein verursacht nicht Krebs.
Die wesentlich wichtigere Botschaft lautet deshalb: Glukose, Insulin, Insulinresistenz, Glutamin, Laktat, Mitochondrien, Entzündungsprozesse und das gesamte metabolische Milieu gehören zusammen betrachtet.
Darum interessiert mich weniger die Frage, „darf ich heute ein Stück Kuchen essen?“ Sondern vielmehr „welches biologische und metabolische Umfeld verschaffe ich meinen Zellen über die nächsten 20 Jahre?“
Wir können unsere genetische Ausgangslage nur begrenzt verändern. Aber wir können sehr wohl beeinflussen, wie wir essen, wie viel wir uns bewegen, wie viel Muskelmasse wir besitzen, wie wir schlafen und ob unser Stoffwechsel noch flexibel funktioniert. Und genau dort beginnt für mich echte Prävention. Nicht erst Krankheit behandeln, sondern möglichst früh Bedingungen schaffen, unter denen Gesundheit lange bestehen kann.






