Wenn wir an Medizin denken, denken wir an Tabletten, Infusionen oder Operationen. Dabei trägt jeder Mensch eine hochwirksame biologische Apotheke bereits in sich – seine Muskulatur.
Jahrzehntelang galt Bewegung vor allem als Mittel zur Kalorienverbrennung oder zur Verbesserung der Fitness. Heute wissen wir: Muskeln sind weit mehr als reine Bewegungsorgane. Sie sind ein aktives Stoffwechsel- und Hormonsystem, das bei jeder Bewegung hunderte gesundheitsfördernde Botenstoffe produziert und im gesamten Körper verteilt. Diese körpereigenen Signalstoffe nennt die Wissenschaft Myokine.
Sie werden bei körperlicher Aktivität freigesetzt und beeinflussen nahezu jedes Organ unseres Körpers positiv – vom Gehirn über das Herz bis hin zum Immunsystem, den Knochen und dem Stoffwechsel.
Nicht ohne Grund setzt man heute in praktisch jeder modernen Rehabilitationsklinik auf Bewegungstherapie. Bewegung ist längst keine Ergänzung der Behandlung mehr – sie ist häufig ein wesentlicher Bestandteil der Therapie selbst.
Bewegung ist Biochemie
Die Entdeckung der Myokine zählt zu den spannendsten medizinischen Erkenntnissen der letzten Jahrzehnte.
Die dänische Forscherin Bente Pedersen konnte bereits 2007 zeigen, dass arbeitende Muskelzellen während körperlicher Aktivität spezielle Botenstoffe freisetzen, die weit über die Muskulatur hinauswirken.
Heute geht die Wissenschaft davon aus, dass unsere Muskulatur vermutlich mehr als 600 verschiedene Myokine produzieren kann.
Jede Trainingseinheit wird dadurch zu einer Art körpereigener Medikamentenproduktion – mit dem Unterschied, dass diese exakt dort wirkt, wo sie benötigt wird, und praktisch keine Nebenwirkungen verursacht.
Myokine bekämpfen stille Entzündungen
Eine der wichtigsten Ursachen vieler chronischer Erkrankungen sind sogenannte stille Entzündungen. Diese niedriggradigen Entzündungsprozesse laufen oft über Jahre oder Jahrzehnte unbemerkt im Körper ab und fördern Erkrankungen wie:
- Typ-2-Diabetes
- Herz-Kreislauf-Erkrankungen
- Übergewicht
- Demenz
- Krebs
- Rheuma
- Osteoporose
- Fettleber
Genau hier setzen viele Myokine an. Das bekannteste unter ihnen ist das Interleukin-6, das von aktiven Muskeln produziert wird. Während Interleukin-6 bei akuten Entzündungen häufig als problematisch angesehen wird, entfaltet das muskulär produzierte Interleukin-6 eine völlig andere Wirkung: Es wirkt entzündungshemmend, aktiviert Reparaturprozesse und unterstützt die körpereigene Immunabwehr.
Bewegung sendet entzündungshemmende Nachrichten durch den gesamten Körper.
Muskeln als natürliche Diabetes-Therapie
Gerade beim Typ-2-Diabetes spielen Myokine eine entscheidende Rolle. Die Muskulatur ist der größte Glukoseverbraucher unseres Körpers. Rund 70 bis 80 Prozent der aufgenommenen Glukose werden in der Muskulatur verarbeitet oder gespeichert.
Je mehr aktive Muskelmasse vorhanden ist, desto besser funktioniert die Insulinsensitivität.
Während körperlicher Aktivität öffnen Muskelzellen ihre Glukosetransporter sogar teilweise unabhängig vom Insulin. Der Blutzucker gelangt dadurch direkt aus dem Blut in die arbeitenden Muskelzellen.
Für Menschen mit Typ-2-Diabetes bedeutet das:
- niedrigere Blutzuckerwerte,
- geringere Insulinspiegel,
- weniger Insulinresistenz,
- reduzierte Fettleber,
- geringere Entzündungsaktivität,
- niedrigere Triglyceridwerte und
- eine verbesserte mitochondriale Funktion.
Aus diesem Grund wird Krafttraining heute in nahezu allen internationalen Diabetesleitlinien ausdrücklich empfohlen. Die Wissenschaft spricht mittlerweile sogar von Bewegung als einer Art „Polypille“, die gleichzeitig auf Blutdruck, Blutzucker, Entzündungen, Gewicht, Fettstoffwechsel und Herzgesundheit wirkt.
Muskelmasse ist einer der stärksten Longevity-Marker
Für die Langlebigkeitsforschung wird Muskelmasse immer wichtiger. Mehrere große Studien zeigen, dass Muskelkraft und Muskelqualität häufig bessere Prädiktoren für die Lebenserwartung sind als Cholesterinwerte oder sogar das Körpergewicht.
Nicht das Alter führt zum Muskelabbau, vielmehr führt der Muskelabbau häufig zu den Problemen, die wir dem Alter zuschreiben.
Der Verlust von Muskelmasse – die sogenannte Sarkopenie – erhöht das Risiko für:
- Stürze,
- Pflegebedürftigkeit,
- Insulinresistenz,
- Osteoporose,
- Herz-Kreislauf-Erkrankungen,
- Demenz und
- vorzeitige Sterblichkeit.
Jedes Kilogramm zusätzliche Muskelmasse wirkt dagegen wie eine metabolische Reserve für schlechte Zeiten. Muskeln sind gewissermaßen unser biologisches Sparkonto für das Alter.
Trainierte Muskeln schützen das Herz
Neuere Forschungsergebnisse zeigen zudem, dass die Skelettmuskulatur sogar das Herz aktiv schützen kann. Besonders interessant ist dabei das Myokin Musclin.
Dieser hormonähnliche Botenstoff wird während körperlicher Aktivität in den Skelettmuskeln produziert und über die Blutbahn zum Herzen transportiert.
Dort unterstützt Musclin die Leistungsfähigkeit der Herzmuskelzellen und schützt gleichzeitig vor einer krankhaften Vernarbung des Herzgewebes, der sogenannten Fibrose.
Trainierte Muskeln stärken somit nicht nur sich selbst, sondern unterstützen unmittelbar die Funktion unseres wichtigsten Muskels – des Herzens.
Bewegung schützt das Gehirn
Vielleicht noch faszinierender ist die Wirkung aktiver Muskeln auf unser Gehirn. Beim Training steigt die Produktion des Wachstumsfaktors BDNF deutlich an. BDNF wird oft als Dünger für das Gehirn bezeichnet.
Dieser Stoff fördert:
- die Bildung neuer Nervenzellen,
- die Vernetzung bestehender Nervenzellen,
- die Lernfähigkeit,
- die Gedächtnisleistung und
- die mentale Belastbarkeit.
Studien zeigen, dass körperlich aktive Menschen ein deutlich geringeres Risiko für Demenz und Depressionen aufweisen. Bewegung trainiert daher nicht nur die Muskulatur, sondern gleichzeitig auch das Gehirn.
Starke Muskeln schützen starke Knochen
Auch unsere Knochen profitieren direkt von körperlicher Aktivität.
Mechanische Belastung und bestimmte Myokine stimulieren den Aufbau neuer Knochensubstanz und erhöhen die Knochendichte.
Gerade Krafttraining gehört deshalb zu den effektivsten Maßnahmen zur Vorbeugung von Osteoporose.
Interessanterweise profitieren dabei Menschen in jedem Lebensalter – selbst im hohen Alter kann die Knochendichte noch positiv beeinflusst werden.
Die beste Medizin produziert der Körper selbst
Wenn ich auf Vorträgen über Langlebigkeit spreche, dann geht es darin nicht darum, mit aller Gwalt möglichst viele Jahre zu (über)leben. Es geht darum, möglichst viele gesunde Jahre zu gewinnen.
Muskeltraining ist dabei keine Frage der Ästhetik, sondern eine der wichtigsten Investitionen in unsere zukünftige Gesundheit.
Jeder Spaziergang, jede Kniebeuge, jedes Hanteltraining und jede Stufe, die wir zu Fuß statt mit dem Lift zurücklegen, aktiviert diese körpereigene Apotheke.
Unsere Muskeln produzieren dabei genau jene Stoffe, nach denen die moderne Medizin seit Jahrzehnten sucht.
Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis der Longevity-Forschung überhaupt:
Wir altern nicht, weil wir uns bewegen. Wir altern schneller, wenn wir es nicht tun.
Denn aktive Muskeln machen uns nicht nur stärker, sie machen uns biologisch jünger.






